Sehnsucht und Wirklichkeit

In unseren Sehnsüchten zeigen sich unsere, manchmal uns sonst verborgenen, starken Wünsche. Das können Wünsche sein, die sich auf eine lang ersehnte Partnerschaft beziehen, auf einen anderen Beruf, eine andere Region zum Leben oder eine andere Wohnung, die Erfüllung eines Kinderwunsches, der lang ersehnte Ruhestand und vieles mehr. 

Und wir glauben, dass wir glücklich sind, wenn wir bekommen, was wir glauben zu brauchen. Und es bedeutet auch, dass wir aktuell daher nicht glücklich oder zufrieden sein können, da wir XY noch nicht haben. 

Sehnsüchte sind Phantasien 

Sehnsüchte sind letztlich unsere eigenen Vorstellungen und entspringen unserer Phantasie. Sie haben mit der Wirklichkeit nicht unbedingt etwas zu tun. Die Sehnsucht greift lediglich einzelne Aspekte der Wirklichkeit, aber lässt andere Teile der Wirklichkeit unbetrachtet. Hinzu kommt, dass wir uns durch Sehnsüchte von außen abhängig machen, da wir ja auf andere Menschen und Umstände, und auch auf reinen Zufall angewiesen sind. 

Damit delegieren wir jedoch Verantwortung von uns selbst weg, in dem wir sie durch unsere Sehnsüchte nach außen tragen. Das bringt uns in eine passive Position des Wartens. Wenn im Außen jedoch niemand bereit ist, unsere Sehnsucht zu erfüllen, oder es aus anderen Gründen nicht möglich ist, unsere Sehnsucht zu stillen, dann werden wir unzufrieden. 

Was steht hinter der Sehnsucht? 

Vielleicht macht es daher Sinn, wenn wir genauer hinter die Sehnsucht schauen. So können wir herausfinden, was wir wirklich wollen. Dabei schauen wir nur auf uns selbst. Wir können lernen auf unser Herz zu hören, da wir aus den industrialisierten westlichen Gesellschaften häufig unseren Verstand sehr gut zu nutzen wissen. Somit können wir den Verstand einmal ruhen lassen. 

Wir finden dann vielleicht heraus, dass es etwas anderes ist, was hinter der Sehnsucht steht, und was wir uns entweder selbst erfüllen können, oder wir treten wieder hinaus in die Welt, dieses Mal aber mit einem anderen Denken und Handeln. 

Sehnsüchte zu hinterfragen heißt nicht, sich vollkommen zurück zu ziehen von Menschen, sondern im Gegenteil, sich mit Menschen und seiner Umwelt auf eine neue Weise zu verbinden. 

Unhinterfragte, ständige Sehnsüchte halten uns letztlich davon ab, in echte Verbindungen mit der Welt zu treten. Das sollten wir ändern, und die dahinter liegenden Vorstellungen (oft genug deutlich idealisiert) erkunden. 

Wenn Angst unser Leben beherrscht

Angst ist das stärkste Gefühl, was wir erleben können. Es geht bei der Angst letztlich um unser Überleben, über das Sein oder das Auslöschen unserer Existenz. 

Angst beschützt uns vor Gefahr, was evolutionär gesehen sehr sinnvoll war. 

Angst als Problem 

Das Problem ist nur, dass sich unsere Ängste in heutiger Zeit nur sehr selten auf lebensbedrohliche Situationen bezieht, sondern eher auf negative Vorstellungen unserer eigenen Zukunft, unserer Person oder unserer Umwelt. Dies zeigt sich dann an Grübeln um die gleichen Themen, Sorgen oder es zeigt sich körperlich an Schlafstörungen, Übelkeit, Kopfschmerzen oder anderen Empfindungen. 

Oft ist es auch so – in meiner Wahrnehmung – dass sich hinter Gefühlen von Wut, Traurigsein, Verachtung, Misstrauen, Schamgefühlen und so weiter eigentlich Angst verbirgt. Vielleicht ist es die Angst vor Kontrollverlust (in einer Welt, die wir sowieso nicht verstehen), die Angst vor dem Verlassenwerden, vor dem sozialen Abstieg und so weiter. Häufig rühren diese Ängste aus besagten Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat, wie sich jemand zu verhalten hat, also letztlich aus Erwartungen. 

Wenn nun diese Vorstellungen und Erwartungen unser Leben beherrschen und wir uns immer wieder in der gleichen Schleife von diesen Gedanken und Gefühlen drehen, dann stehen wir uns selbst im Weg, weil wir letztendlich unserer Angst nachgeben und sie nicht überwinden. Es ist ein ähnliches Phänomen wie Sigmund Freuds „Wiederholungszwang“. 

Angst aushalten lernen 

Echtes Leben liegt jedoch hinter der Angst, also darin, Ängste zu überwinden. Das hat nichts Esoterisches, sondern Angst überwinden heißt, Dinge zu tun. Und zwar genau die Dinge, die einem Angst machen. Man muss durch die Angst gehen, sie durchstehen und aushalten. Das ist schmerzlich, unangenehm und mag auch andere unangenehme Gefühle hervorrufen. Doch die Mühe lohnt sich. Denn nur so wird Veränderung möglich. 

Schuld und Verantwortung

Schuld ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Sie erschüttert unser positives Selbstbild und unser Selbstwertgefühl, weil es uns anzeigt, dass wir einen Fehler gemacht haben oder für etwas verantwortlich sind, was nicht gut gelaufen ist. Schuld kann sich in vielen Gefühlen zeigen, allen voran Traurigkeit, Wut und Angst, oder auch mit einer Mischung dieser Gefühle.

Schuld kann ziemlich zermürbend sein, wenn wir sie einseitig bei uns sehen.

Auf Schuld folgt im religiösen Sinne die Bestrafung.

Doch bestrafen wir uns vielleicht selbst schon genug, wenn wir Schuld nur bei uns selbst suchen?

Schuld empfinden wir häufig in Bezug auf andere Menschen. Und genau da ist es häufig so, dass die Schuld, die man besser als Verantwortung bezeichnet, bei beiden innerhalb einer menschlichen Beziehung liegt. Natürlich zu unterschiedlichen Anteilen, bezogen auf die jeweilige sehr individuelle Situation. Es ist nie so, dass nur „einer schuld ist“.

Schuld vs. Verantwortung

Schuld anzuerkennen heißt Verantwortung übernehmen, jedoch bezieht sich diese so gut wie nie auf eine Person oder Ereignis, bei dem oder durch den Fehler oder Unangenehmes passiert sind.

Die Übernahme von Verantwortung dreht nach meinem Empfinden den zuvor passiv Schuldigen in eine aktive Rolle, in der derjenige etwas verändern kann. Schuld ist in meiner Wahrnehmung recht passiv und nicht lösungsorientiert.

Schuld ist ein Begriff, der aus religiösen Kontexten stammt. Verantwortung ist das Äquivalent, welches die gleiche Bedeutung hat. Verantwortung bringt die Möglichkeit mit sich, gestalten zu können.

Was bringt einseitige Zuweisung von Schuld?

Meines Erachtens bringt das einseitige Zuweisen von Schuld gar nichts, außer Stillstand. Durch eine Veränderung der Perspektive, weg von der Schuld hin zur Einsicht der Verantwortung, wird Neues möglich. Türen öffnen sich. Vielleicht für eine Entschuldigung, für verändertes Verhalten, eine neue Kommunikation.

Denn Schuld wird häufig von Menschen anderen zugewiesen, welche selbst keine Verantwortung für ihr Verhalten und ihre Kommunikation übernehmen wollen.

Schuld ist folglich häufig eine Frage der Perspektive auf Etwas.

Eine neue Sicht auf die Schuld

Schuld zu empfinden, ist meines Erachtens sehr gesund, denn sie zeigt uns, dass wir nicht nach unseren eigentlichen Werten aus dem Inneren gehandelt haben und jemanden oder etwas verletzt haben. Es ist folglich für uns sinnvoll, Schuld zu empfinden, da wir auf diese Weise gut miteinander umgehen. Schuld einseitig nur auf uns selbst oder nur auf jemand oder etwas anderes zu beziehen, ist meines Erachtens sehr ungesund.

Wenn wir die Schuld nur bei uns selbst suchen, dann begeben wir uns einseitig in die Rolle des Täters und sehen nicht das Gute ins uns. Zudem fühlen wir uns dann auch länger unnötig schlecht. Die Schuld jedoch nur bei anderen oder etwas zu suchen, ist auch nicht gesund, da wir dann in der Rolle des Opfers sind und somit passiv, ohne Verantwortung.

Wir können das Schuldgefühl als ein wichtiges Gefühl betrachten, welches uns anzeigen will, dass wir nun Verantwortung übernehmen sollen. Wenn wir das tun, dann kann sich unser Schuldgefühl transformieren, in Stolz, in Freude, in eine friedvolle Stimmung, Genügsamkeit, Zufriedenheit, und vieles mehr. Und damit in etwas Positives, für uns selbst, und für andere.

Neid als Triebfeder

Neid kann ein Gefühl mit großer Tragweite sein. Wenn wir neidisch sind, dann schauen wir auf das, was andere haben, was aber wir selbst nicht haben. Das können Dinge sein, aber auch menschliche Beziehungen. Wir können potentiell auf alles neidisch sein.

Wenn wir neidisch sind, dann glauben wir, dass jemand anderes etwas Erstrebenswertes hat. Denn wenn es nicht erstrebenswert wäre, würden wir es nicht weiter beachten und wären daher nicht neidisch.

Das Problem des Neids

Schwierig wird es, wenn wir immer wieder neidisch sind wegen ähnlicher Dinge. Denn in solch einem Fall geraten wir sozusagen immer wieder in die gleiche Gefühlsspirale. Das ändert jedoch nicht viel. Wir kommen immer wieder in die gleichen Situationen oder begeben uns in die gleichen Beziehungen und wundern uns, dass wir immer wieder neidisch sind. Wenn wir jedoch immer wieder das Gleiche tun, wird es immer wieder zum gleichen Ergebnis kommen.

Neid kann sich auf unsere Beziehungen negativ auswirken, da sie unseren Verstand vernebelt. Das führt dazu, dass wir nur noch selektiv das Beneidete wahrnehmen. Das kann zu einer geistigen Fixierung führen, welche unser immer wieder auf das Beneidete schauen lässt. Wenn wir dann noch unseren Neid kommunizieren, kann dies unsere Beziehungen belasten. Doch am meisten belasten wir damit letztlich uns selbst. Denn eine selektive Wahrnehmung hilft uns nicht heraus aus der Neidspirale.

Neid als Triebfeder

Wir können unseren Neid nutzen, um zu schauen, was sich wirklich an Bedürfnis unsererseits hinter diesem Gefühl verbirgt. Ist es vielleicht eine Unzufriedenheit mit uns selbst? Sind wir zu hart zu uns? Und wollen wir das Beneidete wirklich, oder handelt es sich dabei vielleicht mehr um ein Idealisieren? Ist es bloß die Vorstellung, die uns antreibt, die aber gar nicht realistisch ist?

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, unseren Neid genauer zu untersuchen. Wenn wir schauen, was wir wirklich wollen, können wir den Neid überwinden. Denn wenn das Beneidete für uns nicht erreichbar ist, macht es wenig Sinn, dem Unerreichbaren weiterhin geistig zu folgen durch ein neidisches Gefühl. Hilfreich ist es hingegen, dass wir uns neue Ziele suchen. Dies verändert unseren Fokus der Aufmerksamkeit. Wenn wir dann diesem neuen Ziel folgen, werden wir bemerken, dass sich der Neid verflüchtigt und wir ihn nicht mehr spüren. Dann können wir die Energie, die wir nicht mehr auf den Neid verwenden, für unsere neuen Ziele einsetzen.

Über den Nutzen der Angst

Angst ist ein sehr bedeutsames Gefühl. Sie bringt uns dazu, aufmerksam und vorsichtig zu sein. Sie schärft unsere Wahrnehmung und macht uns wach, da sie unser Leben schützen will. Daher können Ängste als sehr stark empfunden werden. Angst bindet daher auch große Energien und beinhaltet daher ein großes Potenzial.

Die Ängste unserer Vorfahren

Im Extremfall zeigt uns die Angst auf, dass es um unser Leben geht. Unsere Vorfahren haben Angst erlebt, wenn ihr Leben bedroht war. Sie lebten in überschaubaren kleinen Gruppen in der Wildnis und empfanden Angst zum Beispiel dann, wenn sie bei der Jagd auf den bekannten Säbelzahntiger trafen. Die Angst löste dann in ihnen aus, dass sie entweder kämpfen oder fliehen sollen. Sie führte auf jeden Fall dazu, etwas zu tun. Es ging hierbei um eine reale Lebensbedrohung, um Sein oder Nicht-Sein, Leben oder nicht Leben.

Die Ängste der Gegenwart

In der heutigen Zeit passiert es uns allerdings äußerst selten im Alltag, dass wir aufgrund von akuter Lebensgefahr kämpfen oder fliehen müssen. Heutige Ängste entstehen eher aus ganz anderen Gründen: Leben in eng bebauten Städten mit wenig Natur in der Nähe, ein Beruf mit unübersichtlichen Strukturen und zunehmend mehr Aufgaben und Anforderungen, Freizeitstress, täglicher Medienkonsum, man sieht täglich viele Menschen auf der Straße, dazu kommen viele Geräusche vom Verkehr, der Werbung, den Nachbarn, aber auch das eigene Smartphone bietet viele Möglichkeiten zur Reizüberflutung. Das Leben unserer Vorfahren war in vielerlei Hinsicht hart und unerbittlich, aber abseits des Säbelzahntigers oder ähnlichen Gefahren – denen sie nicht täglich ausgesetzt waren – gab es wenig Anlass zur Angst. Das Leben war im Allgemeinen recht übersichtlich.

Ich glaube, dass die komplexe Welt, in der wir heute leben, uns zunehmend überfordert. Daher ist es an uns, zu lernen, damit umzugehen. Unser Leben heute ist nicht mehr so übersichtlich, da wir ständig Informationen ausgesetzt sind sowie Entwicklungen – wie Digitalisierung und Globalisierung – die sich direkt auf unser Leben auswirken, auf die wir aber keinen Einfluss haben. Das Zuviel an Information und die Unübersichtlichkeit dieser Welt können dazu führen, dass wir das Gefühl haben, unser Leben nicht aktiv gestalten zu können. Ängste können dann entstehen, wenn wir uns fremdgesteuert fühlen und nicht sehen, wie wir eine Lösung finden können. Wir fühlen, dass wir die Kontrolle und den Überblick verlieren. Aus dieser Überforderung können Ängste entstehen. Diese können sich dann in Sorgen, Grübeln, Nervosität oder Anspannung äußern. Ich glaube, dass dies auf Dauer auch zu Stress führt.

Aus der Angst ins Leben

Angst hält uns auf Dauer vom Leben ab, weil sie uns hemmt und blockiert. Das ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Das Gegenteil von Angst ist für mich der Mut. Wenn wir mutig handeln, können wir Ängste überwinden. Und können dann vielleicht feststellen, dass wir gar keine Angst mehr haben.

In einer unübersichtlichen Welt können wir uns zurechtfinden, wenn wir unser Leben einfacher gestalten.

Hier kommen dazu ein paar Ideen von mir:

  • Weniger Beziehungen zu Menschen, dafür echte Begegnungen
  • Weniger Reisen, dafür mehr genießen
  • Auch mal alleine sein und mit sich selbst Zeit verbringen
  • Das Smartphone ausschalten (vielleicht erstmal für ein paar Stunden)
  • Selbst etwas Kochen, anstatt es To-Go zu besorgen
  • Einen Kaffee in einem Café genießen, in einer echten Porzellantasse und gemütlicher Atmosphäre
  • Mit dem Gärtnern anfangen (geht auch auf der Fensterbank)
  • Meditieren lernen

Und für Fortgeschrittene: Einfach mal nichts tun.

Ein Plädoyer für „negative“ Gefühle

Wir kennen sie, vielleicht nicht alle, aber doch sicher einige davon: Wut, Angst, Trauer, Ekel, Scham, Schuld, Verachtung, Neid, Misstrauen, Reue, Verzweiflung, Einsamkeit, Leere, Enttäuschung, Sorge, Ungeduld.

Niemand würde wohl behaupten, dass diese Gefühle angenehm sind. Doch wenn wir Gefühle als „negativ“ bewerten und ihnen damit gedanklich einen Stempel aufdrücken, was passiert dann? Wir versuchen sie zu vermeiden. Und treten sie dennoch immer wieder in unser Bewusstsein (schon Sigmund Freud schrieb, dass solche Gefühle immer wiederkehren, und mit der Zeit auch auf hässlichere Weise), wollen wir sie schnellstens wieder loswerden.

In unserer zivilisierten und technisierten westlichen Gesellschaft ist es generell nicht einfach, über Gefühle zu reden, und erst recht gilt dies für die oben genannten unangenehmen Gefühle. Man braucht nur einen Blick in die bekannten Social-Media-Kanäle zu werfen, wo uns in den allermeisten Beiträgen eine Illusion der Positivität und des gelingenden Lebens gezeigt wird. Das mag auch durchaus der Wirklichkeit entsprechen, aber es ist nur ein Ausschnitt aus dem Leben von anderen.

Alle Gefühle haben ihre Berechtigung

Ich glaube, wenn wir dauerhaft unsere Gefühle unterdrücken, leugnen und nicht wahrhaben wollen, dann verleugnen wir uns auf Dauer selbst. Gefühle sind ein Ausdruck unserer Seele. Und wir als Menschen sind Wesen mit einem Körper, einer Seele und einem Geist. Und unseren Geist können wir nutzen, um konstruktiv mit Gefühlen umzugehen.

Wenn wir beginnen, unangenehme Gefühle näher zu betrachten, werden wir mit der Zeit feststellen, dass sie eine Berechtigung haben. Wir müssen diese Gefühle aber zulassen, so unangenehm dies auch erstmal sich anfühlen mag. Gefühle nerven uns nicht einfach, sie wollen uns hingegen etwas Wichtiges zeigen, uns auf etwas hinweisen, das uns gut tut. Unsere Seele will uns nichts Böses, sie will uns den Weg in ein gutes Leben aufzeigen.

Gefühle machen uns menschlich

Unangenehme Gefühle sind die zweite Seite der Medaille, welche uns zum Menschen macht. Wenn wir diese Gefühle genauer betrachten, gelangen wir zu den dahinter liegenden Bedürfnissen.

Die angenehmen und die unangenehmen Gefühle zeigen unsere Seele und machen uns zu einem ganzen Menschen. Es liegt letztlich auch immer an uns, mit unseren Gefühlen umzugehen. Gefühle sind nicht einfach da und überwältigen uns, sondern wir können unseren Geist zu Hilfe nehmen, um unser Leben zu gestalten. Auf diese Weise kommen wir zu neuer Lebensfreude.

Wut zur Veränderung

Ja, du hast richtig gelesen. Der Titel lautet Wut zur Veränderung, nicht Mut zur Veränderung. Die Wut ist, evolutionär betrachtet, eine nützliche Emotion, um uns vor der Gefahr zu schützen, nicht zu überleben. Wenn unsere Vorfahren zum Beispiel beim Jagen erfolglos blieben, konnte das existenzielle Konsequenzen haben. Denn ohne Beute kein Essen, und damit war das Überleben in Gefahr. Die dann aufkommende Wut sollte dazu veranlassen, etwas zu verändern, damit die Jagd wieder erfolgreich wird. Aus der Evolution heraus war Wut also nützlich, da sie unser Überleben sicherte.

Die Kraft der Wut

Wut hat daher eine immense Kraft und besitzt eine große Energie. Sie kann daher auch sehr zerstörerisch sein. Wenn wir der Wut freien Lauf lassen, dann bereuen wir später fast immer, was geschehen ist: Im schlimmsten Fall machen wir Dinge kaputt, oder wir lassen der Wut mit Worten freien Lauf und sagen Sätze wie: „Das wollte ich Dir immer schon mal sagen, Du (-hier etwas Beliebiges einfügen-)!“. Das tut und und unseren Beziehungen nicht gut. Die Wut kann sich sogar gegen uns selbst richten und wir können uns dabei verletzen.

Ein Signal für Veränderung

In Wut geraten wir also dann, wenn in unserem Leben Dinge nicht so laufen, wie wir es uns wünschen oder wie wir es geplant oder uns vorgestellt hatten. Zuerst entsteht vielleicht nur leichter Ärger, der sich später dann in Wut oder sogar Hass als ultimative Steigerung wandelt.

Die Wut will uns also zeigen, was gerade nicht gut für uns läuft. Sie ist ein Signal für eine Veränderung, die wir angehen sollen. Dieses Signal gilt zu erkennen und somit in Zukunft dafür zu sorgen, dass Wut seltener auftritt oder sogar ganz verschwindet.

Wie können wir Wut nutzen?

Wut ist ganz einfach betrachtet erstmal pure Energie. Und Energie an sich ist nichts Schlechtes, sondern im Gegenteil, etwas sehr Gutes! Denn nur mit viel Energie können wir unser Leben nach unseren Bedürfnissen gestalten. Das Problem mit Wut, der wir freien Lauf lassen, ist nur, dass die wertvolle Energie im Grunde verpufft. Wir können sie dann nicht mehr nutzen, weil uns das Freilassen der Wut erschöpft hat.

Daher ist es wichtig, dass wir nicht dem ersten Impuls folgen, der die Wut in uns ausgelöst hat. Je stärker sie ist, desto stärker ist auch der Impuls, jetzt sofort handeln zu müssen. Doch es gibt immer die Zeit zwischen dem Aufkommen der Wut und dem Handeln. Und diesen Zeitraum können wir nutzen. Wir horchen in uns hinein, was uns denn die Wut eigentlich sagen will. Ist es wirklich das hupende Auto vor dem Fenster, das uns aufregt? Oder der Nachbar, der zu laut Musik hört? Oder die Freundin oder der Freund, weil sie oder er mir noch nicht geantwortet hat auf meine Nachricht? Oder mein Partner, der nicht so reagiert hat, wie es mir gewünscht habe? Oder der Chef, welcher mir nicht das erwartete Feedback gegeben hat?

In uns hineinhorchen können wir auf ganz unterschiedliche Weisen machen. Wir können unseren Atem nutzen und konzentrieren uns darauf, atmen zum Beispiel 10 Mal tief ein und aus, bevor wir reagieren. Oder wir hören Naturgeräusche oder beruhigende Musik, das muss auch nicht lang sein, eine Minute reicht dafür häufig schon. Eine andere Möglichkeit ist auch ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft, etwas Sport, falls in der Situation möglich. Oder Ihr hört einfach nur in der Stille in Euch.

Es ist deine Wut

Die Wut hat erstmal mit uns selbst zu tun und mit unserer Wahrnehmung, nicht mit einem anderen Menschen oder der Umwelt, in der wir uns bewegen. Es kann uns viel widerfahren, doch es liegt an uns, wie wir reagieren. Daher liegt es an uns, unseren Fokus der Aufmerksamkeit zu verändern.

Vielleicht könnt Ihr die positive Erfahrung machen, dass Ihr nach dem Hineinhorchen auf neue Ideen kommt, was Ihr tun könnt, anstatt der Wut freien Lauf zu lassen. Es gibt so viele Gestaltungsmöglichkeiten für dieses Leben, für unsere Beziehungen, unseren Beruf und vieles mehr.

Nutzen wir unsere Möglichkeiten. Wir haben die Wahl. Wir haben vielleicht nicht immer die Wahl des Umfelds, doch wir haben die Wahl einer eigenen inneren Einstellung. Und die kann uns nichts und niemand nehmen. Die Veränderung liegt in jedem Menschen selbst, sie kommt von innen.

Es liegt an uns.

Gibt es richtig und falsch?

Wenn wir jemanden oder etwas als „falsch“ oder „richtig“ bezeichnen, dann nehmen wir damit auch immer eine Wertung vor. Dies mag in manchen Bereichen des Lebens von Vorteil sein (man denke z.B. an naturwissenschaftliche Fakten), doch wenn es um die seelische Welt geht, haben diese Etikettierungen eher Nachteile für uns.

Etikettierungen bringen uns nicht weiter

Ich glaube, dass uns Etikettierungen wie richtig und falsch nicht weiterhelfen, wenn es darum geht, ein zufriedenes Leben zu führen. Wenn wir öfters traurig sind, wütend oder ängstlich, dann macht es Sinn, dass wir genauer hinschauen, warum wir diese Gefühle haben. Bewertungen halten uns jedoch davon ab, genauer hinzusehen. Sie sind wie Etiketten auf einem Produkt, welches dieses definitiv wirken lässt. Damit haben wir eine feste Kategorie, aber wir verlieren gleichzeitig die Möglichkeit, eine andere Betrachtung zu ermöglichen. Wir schauen uns also an, warum wir uns so fühlen, wie wir uns fühlen.

Gefühle und Gedanken sind immer richtig.

Sie zeigen uns an, wo wir hinschauen sollen. Man könnte auch sagen, sie sind ein Signal. Wenn wir darauf hören und dann entsprechend handeln, wird es uns danach sehr wahrscheinlich besser gehen. Manchmal müssen wir auch öfter hinschauen. Wenn wir aber stattdessen die Gedanken und Gefühle bewerten, wie es durch Kategorien wie „richtig“ und „falsch“ geschieht, dann kommen wir gar nicht dazu, die Gefühle wirklich zuzulassen. Dies blockiert uns auf Dauer innerlich und tut unserem Wohlbefinden nicht gut.

Gefühle zulassen

Gefühle und Gedanken zuzulassen bedeutet, sie annehmen. Das geschieht ganz ohne Wertung. Dies führt dazu, dass wir Gedanken und Gefühle beginnen zu verstehen. Dies gibt uns dann ganz neue Möglichkeiten, damit umzugehen und auf diese Weise zu neuen Wegen zu gelangen, wie auch immer diese aussehen mögen. Wenn wir blockieren, also nicht zulassen, verpassen wir die Chance auf ein tieferes Verständnis und bleiben in gewisser Weise gefangen in dem, was uns nicht gut tut.

Der Weg zu einem zufriedenen Leben kommt ohne Bewertungen und Beurteilungen oder Etikettierungen aus.

Was ist eigentlich Psychoanalyse?

Ich möchte hier etwas über die – wie ich finde – faszinierende Welt der Psychoanalyse schreiben.

Ich habe selbst eine psychoanalytische Selbsterfahrung über fast zwei Jahre erleben dürfen, welche mein Leben nachhaltig bereichert hat.

Der Versuch einer Definition

Die Psychoanalyse ist das älteste psychotherapeutische Verfahren, aber auch eine Methode zur Selbsterfahrung sowie eine Kultur- und Gesellschaftstheorie. Die Psychoanalyse geht davon aus, dass es neben dem Bewusstsein vor allem das Unbewusste ist, welches unser Verhalten steuert. Durch eine Psychoanalyse kann das bisher Unbewusste – ich würde es als das bisher Unverstandene bezeichnen – ins Bewusstsein treten. Durch dieses Bewusstmachen wird bisher nicht Verstandenes in einen Zusammenhang eingebettet und erhält dadurch einen Sinn. Dadurch entsteht Klarheit im Denken, Fühlen und Handeln.

In der Psychoanalyse geht man davon aus, dass jeder Mensch ein Über-Ich, Es und Ich hat. Das Über-Ich steht für die teilweise bewussten gesellschaftlichen Normen sowie den Anforderungen aus der Erziehung durch frühe Bezugspersonen, meist die eigenen Eltern. Das Es ist unbewusst und repräsentiert die Triebe/Instinkte, dessen Wünsche auf sofortige Erfüllung abzielen. Oft kommt es im Ich zu einem Konflikt, wenn das Ausleben von Trieben aus dem Es vom Über-Ich verboten werden. In solch einem Fall werden sogenannte Abwehrmechanismen notwendig, z.B. die Verdrängung, Idealisierung, Abwertung, Regression (Zurückfallen auf frühere Entwicklungsstufen). Es gibt noch viele weitere Abwehrmechanismen.

Erkundung der eigenen Gefühlswelt

Das Vorgenannte mag erstmal recht technisch klingen. Es stellt aber nur die theoretische Basis dar. Die praktische Psychoanalyse war für mich äußerst bodenständig und lebensnah.

In meiner Wahrnehmung geht es bei der Psychoanalyse vor allem darum, die eigene Gefühlswelt zu erforschen. Gefühle erstmal zuzulassen, zu fühlen und Worte dafür zu finden kann eine große Herausforderung sein. Zudem braucht es viel Zeit und Geduld mit sich selbst.

In der Psychoanalyse wird aufgrund des wenig Greifbaren im Unbewussten oft mit Metaphern, Symbolen und der Traumdeutung gearbeitet, was mir sehr gefallen hat. Anhand von Bildern und Geschichten lassen sich Zusammenhänge viel leichter verstehen.

Jede Psychoanalyse verläuft anders und ist genauso individuell und vielfältig wie wir Menschen auch.

Hierzu gibt es einen sehr guten Podcast – „Rätsel des Unbewussten“, um tiefer in die Welt der Psychoanalyse einzutauchen. Hier findet Ihr den Link dazu:

Podcast-Link zu „Rätsel des Unbewussten“